Am letzten Sonntag überquerten Silvan und ich den Pilatus mit unseren Mountainbikes. Hier der Bericht der wohl verrücktesten Biketour unseres Lebens.

Viele Biker kennen diese Situation. Man sieht auf der Karte einen interessanten Übergang, Gipfel, Pass, Trail, etc, welchen einen nicht mehr los lässt. Immer wieder wird die Karte studiert und über das entsprechende Ziel im Internet recherchiert. Die Abfahrt oder der Trail sieht gut aus, aber wie komm ich da hin? Macht es überhaupt Sinn? Wieviel muss ich tragen? Wo liegt die Grenze zwischen ungesundem Menschenverstand und sportlicher Herausforderung? Ist es überhaupt möglich? All diese Fragen stellten sich Silvan und ich uns auch. Die Antworten fanden wir, indem wir unser Projekt einfach ausprobierten.

Um das Projekt beim Namen zu nennen - es handelt sich um die Pilatusüberquerung. Schon ein gutes dutzend Touren machte ich (alleine oder mit Begleitung) in der Pilatusregion. Fräkmüntegg, Loppertrail, Eigenthal oder auch schon zweimal die Umrundung des ganzen Massivs. Aber drüber? Geht das? Und schon sind wir wieder bei den oben erwähnten Fragen.

Schon länger reizte mich dieser Gedanke. Letztes Jahr erwähnte ich dies Silvan mal. Ich wusste, wenn einer mitkommt, dann er. "Bin dabei" kam als Antwort. Etwas anderes habe ich eigentlich gar nicht erwartet...

Und die Route? Ich wusste, dass der Aufstieg von Alpnach immer mal wieder von Bikern gemacht wird. Dies sollte also gehen. Da wir aber nicht auf der gleichen Seite wieder runter wollten, würde die Abfahrt also auf der Krienserseite runter führen. Geht das? Auf der Karte sieht das nicht unmöglich aus. Eine erste Erkenntnis brachte der 1. August 2012, als ich mit Silvan und Martha auf den Pilatus lief. Dort sahen wir, dass der Nauenweg von der Alp Gschwänd bis Klimsenkapelle steil und schottrig ist. Der letzte Abschnitt von der Kapelle bis ganz oben wäre schlicht zu gefährlich, um da runter zu fahren.

Wir liessen das Projekt den Winter durch etwas ruhen und sprachen es im Frühling wieder an. Dieses Jahr wollen wir es wagen. Wir stellten uns aber gleich selber zwei Bedingungen, welche am Tag X erfüllt sein müssen. Unsere Formstände müssen sehr gut sein und das Wetter muss mitspielen. Am liebsten wäre uns ein heisser Sommertag, damit wir bereits in der Nacht losfahren könnten.

Über die Route waren wir uns schnell einig. Da die Überquerung echt sein soll, kommt nur die Variante "von Kriens rauf und nach Alpnach runter" in Frage. Das wäre dann mit einer rund 800 Hm langen Tragepassage verbunden, soviel haben wir beide noch nie unsere Bikes einen Berg raufgetragen. Das könnte heftig werden und wird für uns eine ganz neue Herausforderung.

Am Sonntag, 4. August war es dann endlich soweit. Silvan holte mich um 03:15 Uhr ab und kurz vor vier Uhr fuhren wir in Kriens bei der Talstation der Pilatusbahn los. Der Parkplatz war leer und auch sonst keine Menschenseele unterwegs.

       Startvorbereitungen


Auf geht's!

      Luzern bei Nacht


Wir hatten beide genügend Licht dabei und kamen zügig voran. Zudem kennen wir die Strasse zur Fräki auswendig und so lief der Aufstieg ohne Probleme ab. Die Stimmung war schon speziell, noch nie machte ich mit meinem Bike eine Tour in der Nacht.

Irgendwann nach fünf Uhr setzte langsam aber sicher die Dämmerung ein.

 
Auf der Fräkmünt war es schon ordentlich hell, als wir unsere mitgeführten Sandwiches verdrückten. Auf dem Bild ist übrigens mein neues Bike: Ein Focus Superbud 29er. Ein detailierter Bericht darüber folgt noch. Was ich schon mal verraten kann, dass es deutlich leichter ist als das Univega. Ein für diese Tour nicht ganz unwichtiger Aspekt.

 
Nach der Pause fuhren wir ein kleines Stück auf Schotter bergab


Der offizielle Wanderweg zur Klimsenkapelle startet bei der Alp Gschwänd. Soweit nach unten wollten wir allerdings nicht und nahmen den ersten Pfad, welcher rechts abzweigte. Beim Start dessen, war uns bewusst, was uns nun erwartet. Ziemlich genau 800 Höhenmeter bergauf laufen - mit den Bikes auf den Schultern notabene. Die Vertrider machen das ja ständig, dann können wir dies auch.

Und so machten wir etwas, was wir noch auf keiner vorherigen Biketour taten. Wir zogen die Bikeschuhe aus und montierten die Wanderschuhe.


So gings um 06:10 Uhr auf Schusters Rappen weiter. Gefahren sind wir ab hier keinen einzigen Meter mehr bis zum Pilatus Kulm.


Als erste Belohnung für unser verrücktes Unterfangen gabs einen unglaublich schönen Sonnenaufgang. Die Sonne erhob sich direkt hinter der Rigi. Wir hätten es nicht besser treffen können!!!


Der Weg bis zum Punkt 1334 war nicht sonderlich gut in Schuss, aber (zum Glück) auch nicht allzu lang.


Wir waren beide trotzdem froh, als wir oberhalb der Alp Gschwänd den offiziellen Wanderweg erreichten. So ging's gemütlich zu Fuss weiter.


Mit der Klimsenkapelle war ein erstes Zwischenziel in Sicht. Das Tragen ging sehr gut und wir kamen ganz ordentlich voran.


Der schottrige Nauenweg erforderte dann etwas mehr Konzentration. Trotzdem kamen wir auch auf diesem Abschnitt sehr gut vorwärts.

Etwa 300 Hm vor der Kapelle zweigt der Gsässweg in unsere Route. Das wäre im Prinzip die nächst möglichste Variante. Da der Weg aber dort teils mit Seilen gesichert ist, liessen wir diesen aus. Das wäre uns dann doch eine Nummer zu gross gewesen.


Silvan war vor mir bei der Klimsenkapelle angekommen. Als ich dann oben war, gönnte ich mir ein Biberli. Gross Hunger hatte ich aber nicht und fühlte mich den Umständen entsprechend immer noch gut.

      Bei der Klimsenkapelle, 1'866m


Nur noch 200 Höhenmeter. Wir wussten beide, dass wir es schaffen werden. Wir diskutierten noch darüber, wann denn wohl die erste Bahn von der Fräkmünt auf den Pilatus fährt. Mein Smartphone teilte uns mit, dass dies um 09:00 Uhr sein wird. Da wir zu diesem Zeitpunkt kurz nach acht Uhr hatten, war somit eine Mini-Challenge geboren. Wir wollten vor neun Uhr auf dem Kulm sein, um die Ruhe noch ein bisschen zu geniessen. Der Wanderwegweiser zeigte 40 Minuten an - das sollte zu machen sein. Also los!


Mit dem Schlussaufstieg wartete der technisch schwierigste Weg noch auf uns. Schnell war mir die Challenge und die Fräkibahn egal, die Sicherheit muss vorgehen.


Wenn man aber den Kopf bei der Sache hält, ist dieser Weg auch mit einem Bike auf der Schulter machbar.


Nun machten sich aber die Strapazen der vergangenen gut zwei Stunden Tragen bemerkbar. Meine rechte Schulter begann zu schmerzen. In Anbetracht dessen, dass wir aber schon bald oben sein werden, konnte ich dies aber gut unterdrücken.

      Blick zurück zur Klimsenkapelle


Trotz vorsichtiger Gehweise erreichten wir den Pilatus nach nur einer halben Stunde. Zuerst gings noch durch die Galerie, unterhalb des Oberhaupts.


Um 08:42 Uhr waren wir dann am Ziel!!! Zum ersten Mal standen wir mit unseren Bikes auf dem Pilatus Kulm, und dies noch vor der ersten Bahn.

      Pilatus Kulm, 2073m

 


Bei unserer Ankunft auf dem Kulm zog ein Gewitter von Alpnach her direkt auf uns zu. Also schnell ins Restaurant flüchten und auf ein baldiges Ende hoffen. Da das Restaurant aufgrund Frühstück der Hotelgäste noch geschlossen hatte, bot man uns einen Platz in der gemütlichen Hotelbar an. Schnell hatten wir einen Cappuccino auf dem Tisch, und danach gleich noch Einen. Die Gipfeli seien noch im Ofen, kämen aber auch gleich.
Das günstigste Hotelzimmer dort oben kostet stolze Fr. 140.- pro Person inklusive Frühstück. Nicht ganz unsere Preisklasse, aber die Bedienung welche wir antrafen war absolut top!

So schnell wie das Gewitter auf uns zu kam, so schnell war es wieder vorbei. Die Sonne übernahm langsam aber sicher wieder das Zepter und wir schauten uns schon mal die ersten Trailmeter nach Alpnach an...


Diese sehen vielversprechend aus, also los!

Der Trail ging nicht gerade zimperlich mit uns um, machte aber trotzdem Spass. Der grobe Schotter forderte unsere ganze Konzentration.

      Blick zurück


Ein wahrhaftig guter Einstieg in die lange Abfahrt. Und die Befürchtung, aufgrund des langen Aufstiegs keine Kraft mehr für den Downhhill zu haben, ist fürs Erste nicht eingetroffen. Wir fühlten uns beide immer noch sehr gut.

Bei Chilchsteinen wählten wir den Trail nach links Richtung Matt.


Auch hier bleibt die Sache tricky. Silvan zeigte sein ganzes Können, während ich nicht ganz alles fahren konnte. Aber das 29er Focus fühlt sich auf dem Trail viel sicherer an, als sein Vorgänger das Univega SL-7.


Der Trail bleibt schottrig, wird aber deutlich schmäler.


Vor Ämsigen führt der Weg der Pilatus Zahnradbahn entlang.


Nach Ämsigen führt der Trail bald in den Wald hinein. Auf dem folgendem Abschnitt bis ganz nach unten waren Martha und ich letztes Jahr bereits unterwegs. Damals hatten wir mit viel Fallholz zu kämpfen. Inzwischen ist der Wanderweg natürlich wieder komplett frei gelegt.


Im Wald macht sich dann leider der Regen des Gewitters bei unserer Kulmankunft bemerkbar. Der Trail ist sehr rutschig und schmierig. Die bisher verstrichene Zeit reichte nicht um ganz abzutrocknen. Da schieben wir unsere Bikes lieber ein paar Meter mehr als weniger.


Der Trail ansonsten ist sehr schön, macht aber bei trockenen Verhältnissen deutlich mehr Spass.


Nach einer zweistündigen tollen Abfahrt erreichen wir in Alpnachstad den Alpnachersee. Wir haben es also tatsächlich geschafft. Acht Stunden nach dem Start ist die Pilatusüberquerung per Bike vollbracht und abgeschlossen!!! Silvan und ich schauten uns grinsend an und klatschen einander ab. Wir sind beide sehr glücklich, dass wir dieses Projekt zusammen durchziehen konnten. Was gibt es schöneres, wenn man sein Hobby mit dieser Leidenschaft ausüben und sich solch verrückte Träume erfüllen kann? Ich lasse die Antwort auf diese Frage mal offen...

      Alpnachersee, 434m


Es hat alles gepasst an diesem Morgen/Vormittag. Der Aufstieg in der Dunkelheit zur Fräki, der unglaublich schöne Sonnenaufgang hinter der Rigi, die 800 Hm Tragepassage, welche wir viel besser meisterten als angenommen, das Wetterglück auf dem Pilatus Kulm, die leckeren Cappuccinos im Kulmrestaurant und nicht zuletzt die tolle Abfahrt nach Alpnachstad. Besser geht's nicht!!!

Punkt 12:00 Uhr bestellten wir im Restaurant Chalet unser Mittagessen. Auch hier wieder perfektes Timing.

 
Nachdem wir satt waren, fuhren wir via Stansstad - Hergiswil - Horw wieder zurück nach Kriens zur Talstation der Pilatusbahn. Hier war nun reger Betrieb und der Parkplatz voll gefüllt. Wir fackelten aber nicht mehr lange, verluden unsere Bikes und traten den Heimweg an.

Silvan, vielen Dank für die Begleitung dieser Tour. Toll, dass Du bei meinen verrückten Ideen immer dabei bist :-)! Es war sehr eindrücklich und zeigt einmal mehr: Wenn man etwas will, schafft man das auch. Diese Geschichte wird mir mit Bestimmtheit ewig in Erinnerung bleiben.

GPS-Track: Pilatus.gpx
Google Earth-Datei: Pilatus.kml

Distanz: 40 km / Höhenmeter: 1'700 Hm / Fahrzeit (inkl. Tragen): 6 h 01 min

Durchgangszeiten des Aufstiegs:

Kriens ab: 03:53 Uhr
Fräkmünt an: 05:35 Uhr
Fräkmünt ab: 05:57 Uhr
Beginn Tragepassage, Wechsel auf Wanderschuhe: 06:10 Uhr
Klimsenkapelle an: 08:03 Uhr
Klimsenkapelle ab: 08:15 Uhr
Pilatus Kulm an: 08:43 Uhr